Allein auf dem Friedhof
So beginnen eine ganze Menge Gruselgeschichten. Auch dieses ist eine mit allem was dazu gehört: Nebel, Elfen,
Einsamkeit, Verzweiflung. Doch lasst mich der Reihe nach erzählen.
Angefangen hat alles mit einer Verzauberung meiner Liebsten. So wollte sie in diesem Sommer partout nicht auf
Paddeltour gehen sondern "richtigen" Urlaub machen, so mit Sonne und Meer (und drückender Hitze und stinkenden Algen
und überfüllten Stränden und teuren Campingplätzen). Glücklicherweise konnte ich ihr einreden, dass wir da ja ganz gut die
Wildwasserboote auf dem Dach als Jetbags gebrauchen könnten. Den Hinweg nach Istrien konnte ich auch mit 2 Tagen an
der Möll und 2 Tagen am Tagliamento in Norditalien recht sinnvoll gestalten.
Aber dann passierte es: Möwen umkreisten meinen Kopf, dicke Menschen brieten sich auf Felsen und es war so heiß,
dass das Bier in der Büchse verdunstete. Zwei Tage hielt es ich im Schatten auf dem Campingplatz aus und lernte dabei
mehrere Flussführer auswendig. Da kam mir die Erleuchtung: Die Soca ist nur 150 km weg. Ich verließ also meine Mädels
für 2 Tage und schon nach gut 2 Stunden war ich wieder unter Menschen. Das merkte ich daran, dass viele zweckmäßig in
Neopren gekleidet waren und mindestens jedes zweite Auto mit mehr oder weniger sinnvollen Konstruktionen zum
Bootstransport ausgestattet war.
Für den Nachmittag war auch schnell ein Mitfahrer gefunden. Uwe aus Döbeln hatte seine Familie überreden können, auf
dem Hinweg zur Adria doch mal schnell in Bovec Halt zu machen. Und so spielten wir uns noch schön von der
Koritnicamündung bis zum Pegel runter. Herrlich. Abends dann ordentlich Essen beim Letni Vrt und Pivo und
Paddlertratsch. Doch komisch: Keiner auf dem Platz wollte am nächsten Vormittag mit mir die gesamte Strecke von der
Koritnicaklamm bis zum Ende Friedhof fahren. "Zu lang...... waren wir in diesem Urlaub schon...... meine Frau will heute
mal wandern...." Und Uwe musste weiter gen Süden.
Glücklicherweise erklärte sich Uwe bereit, mich hoch zur Koritnica zu fahren und mein Auto auf dem Weg gen Süden in
Trnovo abzustellen. Eine Weile wartete ich am Einstieg, ob nicht doch noch Paddler auftauchten, aber nichts. Also Boot
auf die Schulter und runter. Sicherheitshalber habe ich erst nach der Klamm eingesetzt und da der Wasserstand eher
niedrig und den Erzählungen nach die Strecke frei war, riskierte ich eben eine Alleinfahrt. Ging auch wunderbar und es war
irgendwie auch fantastisch: Nebel über dem Fluss und eine himmlische Ruhe.
Die folgende Strecke bis zum Pegel in Zaga war ich ja schon am Vortage
gefahren. Ich ließ mich also im Cesoza-Schwall ein wenig duschen, trieb
die Hausfrauenstrecke herunter und machte mich an den ersten
Übungsstellen bis zum großen Tumpf am Kieswerk erst mal ein wenig
warm. Dort hatte ich mir erst mal eine Pause verdient, natürlich mit ner
Blechsemmel.
Ich saß also eine ganze Weile vorm Eingangskatarakt. Keine Paddler
und das im Sommer um die Mittagszeit! Zwei Rafts mit Ungarn
kreischten vorbei und endlich kam eine Gruppe Kajakfahrer. Sogar ein
paar hübsche Paddelelfen dabei. Aha, eine Kajakschule. Der Paddel-
lehrer zeigte in der Friedhofseingangsstufe noch schnell ein paar
Kunststücke, ich packte meine Sachen zusammen und schloss mich
der Gruppe an.
Aber irgendwie ging es nicht so recht vorwärts. An jedem Kehrwässerchen wurde lange und einzeln geübt. Und ich
wollte eigentlich noch am frühen Abend wieder in Istrien bei meinen Mädels sein. Und auch die Paddelschülerinnen
hatten schnell das Interesse an mir verloren, nachdem sie gemerkt hatten, dass ich erstens ein alter Knacker bin
und zweitens viel schlechter paddle als ihr Kajaklehrer. Darum entschloss ich mich, allein die letzten beiden
Kilometer zu fahren.
Schnell war die Gruppe außer Sichtweite und ich war wieder der glücksselige Alleinfahrer, ließ mich meistens
heruntertreiben und bestaunte die einzigartige Landschaft. Und dann passierte es: In einer harmlosen Stufe kippte
ich einfach und dusslig um. Noch schlimmer, der alte Wanderpaddlerreflex drückte mir die Knie zusammen und ich
stieg aus ohne jeglichen Rollversuch. Natürlich bekam ich Boot und Paddel zu fassen. Aber ich trieb auf einen
dieser einfamilienhausgroßen Steine zu, für die die Friedhofsstrecke nun mal berühmt ist. Und da wollte ich partout
nicht entlangschappern. Boot losgelassen und ans Ufer geschwommen. Sicher würde sich das Boot ein oder zwei
Kehrwässer tiefer irgendwo festsetzen. Aber keines der 1001 Kehrwässer hielt meinen Kahn und nach wenigen
Minuten hatte ich ihn aus dem Auge verloren. Teils schwimmend, teils watend, teils kletternd und vor allem fluchend
machte ich mich hinterher und kam mir immer einsamer und verzweifelter vor. Mindestens eine halbe Stund ging
das so und ich sah vor meinem inneren Auge meinen schönen Blunt durch die Slalomstrecke in die Siphonschlucht
für immer verschwinden. Als ich völlig ausgepumpt war, kam glücklicherweise ein Raft vorbei und nahm mich mit,
natürlich konnte die Besatzung über mich und meine Geschichte gut lachen. Und was passierte? Drei Kehrwässer
vor dem Ende der Friedhofstrecke dümpelte mein Boot friedlich am Rande vor sich hin, als wäre nichts geschehen.

Sonst bin ich immer traurig, wenn
ich die Brücke am Ausstieg sehe,
denn da ist die Tour vorbei.
Diesmal war ich eher froh und
konnte mir gerade noch ein müdes
Grinsen abringen.
Entschuldigung für die schlechte
Qualität der letzten beiden Bilder.
Aber die Linse der Digicam hatte
bei dem Abenteuer doch etwas
Wasser abbekommen.
PS: Ich weiß, dass Alleinfahrten im Wildwasser gefährlich sind, auch wenn man den Abschnitt schon
etliche Male gefahren ist. Und auch wenn Ihr mich steinigt. Ich glaube, ich würde es wieder tun.